Gedenken der Reichspogrome 1938 - Bericht

Bei den gestrigen Veranstaltungen zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 erlebte ich eine wache, aktive und vielfältige Zwickauer Stadtgesellschaft. Wesentlich mehr Menschen als noch vor einigen Jahren zeigen Haltung und Mitverantwortung.

Etwa 100 Menschen waren am Georgenplatz. Inhaltlich wird diese Veranstaltung seit Jahrzehnten überwiegend von Gewerkschaft, VVN und LINKE gestaltet. Zu Zeiten, als es noch wenige aus der "Mitte" interessierte, pflegten diese Leute das Gedenken; alte KPD-Widerstandskämpfer darunter, die das KZ überlebt hatten, ihnen gilt meine Hochachtung. Mir selber zu polarisierend gestern aber eine Rede, in der - suchend nach den Ursachen der Wiedererstarkung von Nationalismus und Rechtsextremismus - der CDU-Politiker Friedrich Merz in einem Atemzug mit Thilo Sarrazin und Björn Höcke genannt wurde. Nicht, dass ich die politischen Vorstellungen von Herrn Merz sympathisch fände, ich sehe durchaus den Zusammenhang zwischen neokonservativ-neoliberalistischer Politik, sozialer Spaltung und Aufstieg des Rechtsnationalismus, aber ganz so schwarz-weiß ist die Welt freilich nicht. Es waren gestern auch viele "konservative", CDU-nahe Zwickauer*innen dabei - wie gut! -, für die mir diese undifferenzierte Äußerung in der Rede Leid tat. Kurz darauf wurde ich versöhnt: Als der Trompeter Jakob Springfeld den Kanon "Dona nobis pacem" anstimmte und viele Besucher*innen plötzlich zu singen anfingen, wurde die Vielfältigkeit der Gedenkenden deutlich.

Das Erlebnis illustriert, wie gegenstandslos das rechtsnationalistische Postulat einer "Einheitsfront von Altparteien, Kirchen und Gewerkschaften" ist. In Wirklichkeit ist die Zwickauer Stadtgesellschaft auch völlig ohne rechte Antidemokraten überaus vielfältig. Und so muss es ja sein, so geht die Idee einer demokratischen, pluralen Gesellschaft. Im Verbindenden zusammenarbeiten, über das Unterschiedliche leidenschaftlich streiten, sich dabei gegenseitig auch Fehler zubilligen, die Würde des Gegenübers wahren. Wenn die Idee der freiheitlichen Demokratie tiefere Wurzeln schlagen soll, müssen wir das üben. Das gestrige mahnende Gedenken an das unvorstellbar Böse vor 81 Jahren war eine Gelegenheit dazu.

(Wolfgang Wetzel, 9.11.2019)